Nutzgeflügel-Zuchtverein  Klecken und Umgebung von 1921 
 

Die Lippegans – eine westfälische Schönheit mit himmelblauen Augen

Als ich mich entschloss, in die Gänsezucht einzusteigen, war für mich klar: Es sollte eine alte, gefährdete Rasse sein – am liebsten eine, die auf der Roten Liste steht. So führte mich mein Weg glücklicherweise zu Volker Niemeyer vom Rassegeflügelzuchtverein Klecken und Umgebung. Er machte mich mit der Lippegans bekannt und vermittelte mir mein erstes Brutpaar. Es war tatsächlich Liebe auf den ersten Blick.

Eine Rasse am Rand des Verschwindens
Die Lippegans wird von der GEH (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen) als „extrem gefährdet“ eingestuft. Ihre Rettung gelang sprichwörtlich in letzter Minute. Dieser Gedanke begleitet mich täglich, wenn ich in ihre strahlend blauen Augen blicke. Bei Weiterbildungen erlebe ich jedoch immer wieder, dass die Rasse kaum bekannt ist -  häufig höre ich: „Die hält doch kaum noch jemand.“
Wie wichtig ihr Erhalt ist, zeigte sich auch, als eine meiner Zuchtgänse schwer erkrankte. Auf meine verzweifelte Frage, ob wir sie erlösen müssten, antwortete der Tierarzt entschlossen: „Nein, wir versuchen alles – hier geht es um Arterhaltung.“ Die Gans wurde wieder gesund und lebt heute munter im Alten Land.

Geschichte und Bedeutung der Rasse
Die Lippegans ist die einzige traditionelle Gänserasse Westfalens und seit etwa 1860 dokumentiert. In der Lippe-Niederung spielte die Viehzucht aufgrund häufiger Überschwemmungen schon immer eine größere Rolle als der Ackerbau. Neben Pferden, Rindern und Schafen waren es vor allem Gänse, die selbst auf nassen Wiesen ausreichend Futter fanden.
Für diese Haltungsbedingungen brauchte man eine robuste, wetterfeste und wenig krankheitsanfällige Rasse. Das Zuchtziel war klar definiert:
• mittelschwer,
• frühreif,
• leicht mästbar,
• gute Lege- und Bruteigenschaften,
• anspruchslos und pflegeleicht.

Ein besonderes Rassemerkmal ist der sehr frühe Bruttermin. Dieser war früher entscheidend, denn die Lippe-Niederung durfte nur bis zum 1. April mit Gänsen bestückt werden; sonst drohte Ärger mit den Bauern.

Rassetypische Eigenschaften im Alltag
Wetterfestigkeit, Anspruchslosigkeit und ein ausgeprägtes Wesen zeigen meine Gänse mir täglich. Der frühe Brutbeginn überrascht mich jedes Jahr aufs Neue. Bei uns findet ausschließlich Naturbrut statt. Sobald die Gössel einige Tage alt sind, begleiten sie die Elterntiere auf die Weide und werden dort hervorragend bewacht. Mein Zuchtganter duldet keinerlei Eindringlinge; selbst die sonst so selbstbewussten Hofkater treten vor ihm den Rückzug an.
Ihre Marschfreudigkeit beweisen die Lippegänse ebenfalls regelmäßig. Lasse ich versehentlich ein Tor offen, brechen sie gerne zu einem kleinen Dorfrundgang auf. Zum Glück wissen die Nachbarn inzwischen genau, wohin die Ausreißer gehören.

Ein freundliches Wesen und ein Publikumsliebling
Meine Lippegänse sind sehr menschenbezogen und kommen hervorragend mit Besuchern zurecht. Im Ferienprogramm für Kinder sind sie stets das Highlight: Die Kinder lernen viel über Haltung und Verhalten, während die Gänse neugierig mitten im Geschehen stehen.
Auch auf unserer Vereinsschau des Geflügelzuchtvereins Klecken und Umgebung präsentieren sie sich souverän. In der Voliere zeigen sie sich entspannt und ziehen mit ihren himmelblauen Augen viele Blicke auf sich.

Ein persönliches Fazit
Meine Entscheidung für die Lippegans habe ich keine Sekunde bereut. Diese Rasse begeistert mich jeden Tag aufs Neue – und ich hoffe, dass ich noch viele Menschen mit meiner Leidenschaft für diese außergewöhnliche westfälische Gans anstecken kann.

Text und Fotos: Michaela Juulsgaard

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